Jeder Mensch lebt nach seiner eigenen Zeit und für jeden Menschen hat die Zeit eine andere Dauer. Jede Minute mag für den einen länger als für den anderen sein und auf einer sonnigen Wiese liegend flimmert und verschwimmt die Zeit in der Mittagshitze. Die Uhrzeit, das stetige Tik Tak von Minuten und Sekunden, ist ein Maß, das die erlebte Zeit des einzelnen Menschen also nicht von sich aus kennt. Eine Uhrzeit gibt es bloß dort, wo mehrere Menschen sind. Je nach Blickpunkt verbirgt sich in der Uhr ein vertragliche Übereinkunft dieser Menschen untereinander oder eine Methode zur Disziplinierung, mit der manche den anderen ihre Zeit aufdrängen können. Welches von beiden auch stimmt: Im Blick auf die Uhr sind die anderen Menschen gegenwärtig. Treffe ich mich zu einer bestimmten Zeit mit einem anderen Menschen, sind wir also beide pünktlich, versichern wir uns dieser Uhrzeit, also unserer gemeinsamen, gleich-zeitigen Gegenwart. Die Pünktlichkeit ist das Sich-verpflichten auf die Gleichzeitigkeit.
Diese Verpflichtung ist jedoch keineswegs neutral. Sie setzt immer voraus, dass der Einzelne die sonnige Wiese verlassen hat, dass er die Dauer seiner eigenen Zeit, die Ruhe und Schnelligkeit seines ganzen Gefühlslebens verschwinden lassen und in das gleichförmige Tik Tak des Zeigers aufgehen lassen muss. Das Erdrückende der pünktlichen Abgabe einer Hausarbeit, des pünktlichen Erscheinens auf der Arbeit oder beim Arzt ist gerade, dass die Dauer des eigenen Lebens gleichförmig wird und fortan nach einem schicksalhaften Gesetz verläuft: der unerbittlichen Mechanik der Uhr. Durch diese verpflichtende Pünktlichkeit wird die Gegenwart, die Gleichzeitigkeit mit den anderen Menschen zum Zwang: Niemand lebt nach seiner Zeit, alle leben in der Niemandszeit.
Gibt es denn eine andere als die verpflichtende Pünktlichkeit? Welcher Art ist z.B. die Pünktlichkeit unter Freunden? Ist sie die Versicherung, dass die geteilte Zeit gleichförmig nach dem Zeiger zu verlaufen habe? Oder beruht diese Pünktlichkeit nicht vielmehr auf der Möglichkeit, die Zeit auf der sonnigen Wiese, die Dauer und Tiefe des eigenen Lebens zu teilen? Die Pünktlichkeit unter Freunden ist zwar wie jene andere Pünktlichkeit der Arbeit auch ein Zusammenkommen in der Zeit. Sie ist jedoch keine Verpflichtung auf eine Uhrzeit, durch die die Gleichzeitigkeit hergestellt wird. Die Pünktlichkeit unter Freunden ist ein Versprechen, dass ein anderer Mensch für meine eigene Zeit und das dazugehörige eigene Empfinden offen sein kann. Aus dieser Pünktlichkeit entspringt keine Gleichzeitigkeit, sondern geteilte Dauer. Diese Pünktlichkeit wird nicht am Anfang des Zusammenkommens durch die Uhr zugesichert. Sie ist die stetige Offenheit des Einen für die Zeit des Anderen.
In einem Gedicht heißt es:
mein ich in aller welt
trägt eine haut wie blumen.
Was mag das heißen? Was ist dieses Ich, das in aller Welt ist? ich – das sage ich. Hier. Jetzt. Ich bin dieses Hier und Jetzt, jedesmal, wenn ich ich sage. Ich liege auf der Wiese, ich lese ein Buch, ich tanze, ich lache, jedesmal ich, Hier, Jetzt. Auch wenn ich sage: „Ich habe getanzt“, meine ich ja doch, dass da ein Hier und Jetzt und ein Etwas im Hier und Jetzt war, und dieses Etwas bin ich, zwar vergangen, doch einmal gegenwärtig gewesen und weil es gegenwärtig war, ist es ich, bin es ich. Wenn ich ich sage, meine ich damit stets ein Etwas, das gegenwärtig ist, im räumlichen und zeitlichen Sinne. ich ist diese Ankettung an die Gegenwart. Im ich-Sagen kette ich mich an an die Gegenwart mit mir selbst. Ich komme nicht raus, bin eingeschlossen in die Innerlichkeit, die Intimität mit mir selbst. Hier. Jetzt.
Nun heißt es jedoch im Gedicht nicht: „mein ich im Hier und Jetzt“, sondern: „mein ich in aller welt“. Der Dichter spricht von einem ich, das die Ankettung an die Gegenwart mit sich selbst durchbrochen hat. Er nennt ein ich, sein Ich, als eines, das in aller Welt ist. Das mag heißen, dass es überall ist, an fernen Orten, irgendwo oder nirgendwo – Hier und Jetzt ist es nicht. Würde der Dichter nun sagen: „ich bin in aller welt“, wäre das ganz sinnlos, denn im Wörtchen ich würde ja ein Bezug auf das Hier und Jetzt stecken und das schließe die Möglichkeit aus, in aller Welt zu sein. Dies sagt er aber nicht, sondern jenes: „mein ich in aller welt“. Das Wörtchen mein übernimmt hier die Rolle der bescheidenen Ankettung, des Nicht-über-sich-hinauskönnens, denn indem der Dichter mein sagt, verweist er ja auf (s)ich in seiner Gegenwart. Durch das mein befreit der Dichter (s)ich, er macht aus dem ich, das nicht in aller Welt sein kann ein Ich, das dies vermag.
Nun können wir bedenken, was es denn heißt, vom eigenen Ich zu sprechen und damit eine Trennung zwischen ich und Ich zu eröffnen. Wenn einer sagt: mein Ich, meint er dann so etwas wie seine Persönlichkeit, seine Individualität oder desgleichen? Meint er gar etwas wie seinen Wesenskern? Wenn wir im Alltag einen hören, der von seinem Ich spricht, dann können wir wohl häufig eine solche Bedeutung annehmen. Dürfen wir hier aber etwas ähnliches vermuten? Keineswegs. Der Dichter spricht von seinem Ich als einem, das in aller Welt sei. Meint er wohl, sein Ich sei überall, an allen Orten? Vielleicht ist dies eine der Bedeutungen. Er sagt aber, es sei in aller Welt, in der Welt aller, aller anderer Menschen, ein Ich, verstreut in die Welt aller Anderen, ein Allerwelts-Ich. Hören wir die schöne dichterische Doppeldeutigkeit, dann ist hier nicht bloß ein Ich gemeint, das sich räumlich überall befindet und so gelöst ist vom Hier und Jetzt desjenigen, der ich sagt, sondern auch ein Ich, das keinerlei auszeichnende Qualitäten hat, keine Besonderheiten, nichts Einzigartiges, Individuelles, keinen inneren Kern. Hörten wir im Wort des Dichters von seinem Ich bloß so etwas wie den Bezug auf seine Persönlichkeit, liefen wir ganz an dem vorbei, worauf er hindeuten will. Die dichterische Befreiung aus der Ankettung an sich selbst, die dem ich-Sagen zugrundeliegt, ist nicht der Versuch, diese Ankettung heroisch auf sich zu nehmen und aus der Faktizität des Nicht-vor-sich-selbst-fliehen-könnens eine Auserwählung des Einzelnen zu machen, der er sich würdig erweisen muss.
Die dichterische Befreiung des ich führt zum Allerwelts-Ich, das die Innerlichkeit, die Intimität mit sich selbst mit der vollkommenen Äußerlichkeit, der Exteriorität oder Fremdheit vertauscht – ganz Außen, verschwommen im, verloren an das Außen, an die allerweltliche Oberflächlichkeit. Zwei betrübliche Wege hält der erste Vers also bereit: Hier die Ankettung an sich selbst, unfähig herauszukommen, immer wieder bloß ich, ich, ich zu sagen und sich selbst dabei gegenwärtig sein zu müssen. Dort das Sprechen vom Ich-in-aller-Welt, das im Außen nirgendwo Fuß fassen kann, sich selbst fremd wird, sich selbst verliert an die Oberflächlichkeit.
Werfen wir an dieser Stelle einen Blick auf den zweiten Vers. Dieses Ich-in-aller-Welt, das sich seiner Ankettung an sich selbst entledigt hat, nur um sich im Außen zu verlieren, trägt eine Haut wie Blumen. Beginnen wir mit dem vorderen Teil: Was heißt es, eine Haut zu tragen? Was ist eine Haut? Zuerst ist die Haut außen, stets außen, der Welt zugeneigt, den Dingen versprochen. Berührungen über Berührungen gehen von ihr aus und nimmt sie auf. Ein Windhauch, ein Regentropfen, ein Kuss, alles berührt mich mehr als ich je zu verstehen imstande sein werde. Eine Haut ist reine, andauernde, überwältigende Berührung und Empfindung, purer Kontakt und Übergang zur Welt. Gäbe es keine Kleidung, keine Abstumpfung, keinen Schutz gegen diese ‚Hautlichkeit‘ des Daseins – wäre allen immer alles zu viel. Eine Haut zu tragen heißt vor allem, sie zu er-tragen, diese reine Ausgesetztheit, diese Passion der Welt. Hören wir die Nähe zum ersten Vers? Die Haut verkörpert gerade die abstrakte Erfahrung des Sich-Verlierens an die Oberflächlichkeit des Ichs-in-aller-Welt. Die Oberflächlichkeit ist die Abstrahierung der Hautlichkeit. Sind die Worte zur Haut also bloße Explizierung des Vorhergehenden? Sind sie nicht etwas mehr? Der erste Vers stellte uns vor die abstrakte Wahl zwischen dem selbstgenügsamen, abgeschlossenen ich und dem sich-verlierenden, offenen Ich-in-aller-Welt. Ist es zuviel zu sagen, dass der Dichter sich durch die Anrufung der Haut für letzteres entscheidet? Ich denke nicht. Es gilt aber nun zu verstehen, was den Dichter zu dieser Entscheidung bringt. Die Haut nämlich, um die es dem Dichter geht, ist keine gewöhnliche Haut, sondern eine Haut ‚wie Blumen‘.